Durch die Verbreitung von dezentralen Kleinkraftwerken und Nachbarschaftsnetzen könnte der Stromverbrauch effektiv gesenkt werden. Die Stromkonzerne torpedieren diese Entwicklung jedoch.
Die Stromversorgung ist hierzulande seit langer Zeit hauptsächlich zentral geregelt. Die dafür benötigten Großkraftwerke, die den Strom für die Verbraucher in die weitreichenden Verteilernetze einspeisen, gehören mit wenigen Ausnahmen Energieriesen wie E.ON und RWE. Durch die derzeitige Entwicklung in der Bevölkerung hin zu mehr Umweltbewusstsein und klimafreundlicher Stromproduktion – und vor allem bezüglich der eigenständigen Produktion von Ökostrom durch Fotovoltaikanlagen oder sogenannte Stirling-Motoren im Haus – sehen die Riesen ihre Macht jedoch offensichtlich schrumpfen. Daher versuchen sie mit diversen Mitteln, die Verbraucher von diesem Weg in die Eigenständigkeit abzubringen und weiterhin an die Konzerne zu binden.
Erschwerte Bedingungen
Eine besonders die Besitzer dezentraler Anlagen hart treffende Entscheidung wurde nun nach Informationen der “Welt” von einem Expertengremium des Elektrotechnik-Verbandes VDA getroffen. Das Gremium, das unter dem Vorsitz eines RWE-Managers steht, legte jüngst neue “technische Anschlussbedingungen für kleine Stromerzeugungsanlagen” fest. Diese schreiben die Installation eines zusätzlichen Stromzählers am zentralen Zählerplatz – statt wie bisher direkt am Gerät – vor. Durch die dafür nötigen Kabelverlegungsarbeiten, bei denen oft Wände aufgerissen und wieder verschlossen werden müssen, können laut “Welt” durchaus Kosten von bis zu 1500 Euro entstehen. Die hohen Kosten, verbunden mit dem mindestens ebenso hohen Aufwand, mache die dezentralen Stromerzeugungsanlagen unattraktiver und unrentabler für Privathaushalte. Die Klimaschutzziele der Bundesregierung würden somit gefährdet und die Entwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien gebremst, kritisieren Verbände aus Industrie und Wirtschaft und fordern eine Revidierung des Beschlusses.
Der doppelzüngige VDA
Unterdessen bestätigte eine Studie der Steria Mummert Consulting AG die positiven und für den Umweltschutz wichtigen Aspekte der Dezentralisierung der Stromversorgung. In “Zukunftsfaktoren 2020″ heißt es, die Anlagen würden durch intelligente Server und Steuerungsmechanismen eine gezielte und auf jeden Haushalt abgestimmte Stromlieferung ermöglichen. Außerdem würden lange Transportwege durch Nachbarschaftsnetzwerke verhindert und gleichzeitig die Abhängigkeit von den großen Versorgern verringert. Nur bei Bedarf, also in Zeiten erhöhten Verbrauchs, würde automatisch kontrolliert auf die regulären Netze zugegriffen.
Ironischerweise können sich die Initiatoren der Studie auf Angaben der VDA berufen – just der Verband, der nun die dezentralen Anlagen unter Beschuss nimmt. Dieser habe berechnet, dass der Stromverbrauch der Deutschen unter Beibehaltung der derzeitigen Begebenheiten bis 2020 um bis zu 60 Prozent zunehmen würde, warnen die Experten im Rahmen der Studie. Wenn hingegen die modernsten Techniken auch bezüglich der Dezentralisierung so verbreitet wie möglich eingesetzt würden, könnte der Verbrauch in den nächsten Jahren um 40 Prozent gesenkt werden.
