Die trotz der deutlich gefallenen Marktpreise für Strom weiter anziehenden Verbraucherpreise haben ihren Ursprung auch in Fehlspekulationen der Stromanbieter. Denn die durch Termineinkäufe entstandenen Mehrkosten werden auf die Verbraucher abgewälzt.
Es mutet auf den ersten Blick ungerecht und grotesk an, dass die deutschen Verbraucher mit immer neuen Preiserhöhungen von den Stromkonzernen konfrontiert werden – obwohl die Preise auf der Leipziger Strombörse EEX seit knapp einem halben Jahr drastisch gesunken sind. Anstatt diese Senkungen an die Verbraucher weiterzugeben, sorgten die Anbieter dafür, dass die Haushalte hierzulande mit durchschnittlich 67,70 Euro knapp sieben Prozent mehr für ihren Strom zahlen müssen als vor einem Jahr. Dies bestätigten jüngst Zahlen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).
Dieser Zwiespalt hat aber – abgesehen von dem schwächelnden Wettbewerb auf dem Strommarkt – teilweise auch ökonomisch nachvollziehbare Facetten. Denn der Strom für die Kunden wird von vielen Anbietern und Stadtwerken oft auf Terminbasis an der Strombörse eingekauft. Dies bedeutet, dass der Anbieter den Strom bereits einige Zeit früher kauft, als er benötigt wird. Der erhoffte Effekt: Wenn der Preis in der Folge anzieht, ist er von dieser Preissteigerung nicht so stark betroffen. Jedoch kann sich diese auf dem Energiemarkt durchaus übliche Strategie eben auch anders auswirken: Wenn der Preis nach dem Termingeschäft sinkt, hat der Anbieter durch die Fehlspekulation mehr bezahlt als nötig.
Kunden zahlen für Fehler der Anbieter
Genau dies geschah im letzten Jahr: Als der Ölpreis auf einem Rekordhoch von knapp $150 je Barrel stand, rechneten einige Analysten mit einer weiter nach oben zeigenden Preiskurve – auf bis zu $200 würde der Ölpreis noch steigen, warnten Experten. Mehr oder weniger panisch kauften viele Versorger angesichts dieser düsteren Prognosen größere Mengen an Strom für die Kunden im Voraus – was sich als fatale Fehlreaktion erwies. Denn der Ölpreis erlebte eine massive Talfahrt, die folglich auch die Strompreise mit nach unten riss.
Viele Stadtwerke und andere Anbieter wälzen derzeit nun die unnötigen Mehrausgaben durch die Fehler bei den Termingeschäften auf ihre Kunden ab. Diese Sozialisierung der Verluste werde auch durch den nicht genügend ausgeprägte Wettbewerb auf dem Strommark begünstigt, so ein BDEW-Sprecher. Die Bundesnetzagentur weist in diesem Zusammenhang immer wieder darauf hin, dass unzufriedene Verbraucher durch eine Anbieterwechsel trotz der allgemein anziehenden Preise noch enorm sparen und gleichzeitig den Markt mit beleben können. Zu wenig Bürger würden bislang hiervon Gebrauch machen.
Industrie profitiert
Insgesamt könnten die Privatverbraucher frühestens Ende 2009 wieder mit Preissenkungen rechnen, prognostiziert die “Welt”. Dagegen würden die Industriekunden sehr viel schneller von den Entwicklungen an der Strombörse profitieren: Da für sie der Strom kurzfristiger eingekauft werde, sei der Strompreis für Industriekunden in den letzten Monaten bereits stark gefallen. Unterdessen bekommt auch die Regierung Kritik zu spüren: Durch Maßnahmen wie die Ökosteuer und die Mehrwertsteuererhöhung sei der Steueranteil beim Strompreis seit der Marktliberalisierung 1998 von 25% auf 40% gestiegen, was zu den Preissteigerungen ebenfalls erheblich beigetragen habe.
